"Positiv zusammen leben. Aber sicher!" ist das Motto des Welt-Aids-Tages heute. Viele HIV-Positive scheuen aber davor zurück, sich zu outen. Ein Mann berichtet, wie er mit dem Virus lebt und warum er schweigt. (Südwest Presse Ulm 1.12.2011)
Frank lebt mit einem Geheimnis. Seine besten Freunde wissen es nicht, seine 17-jährige Tochter weiß es nicht. Nur sein Lebenspartner, bei dem er sich angesteckt hat, und zwei enge Vertraute sind eingeweiht: Frank ist HIV-positiv. Er hat schlechte Erfahrungen gemacht, offen darüber zu sprechen.
Frank, 46, (alle Namen geändert) hat sich bei seinem Freund Holger mit dem HI-Virus angesteckt. Er hadert aber nicht damit. "Was sein soll, sollte sein", lautet sein Motto. Trotz der Infektion des Partners hatte er nie Berührungsängste. Er wusste, dass Holger HIV-positiv ist. Die beiden hatten trotzdem ungeschützten Sex. Frank war allerdings lange fälschlicherweise davon überzeugt, dass die Ansteckungsgefahr gleich null sei. "Es hieß immer, wenn ein HIV-Positiver seit sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegt und Tabletten bekommt, könne man sich nicht anstecken", sagt er. Die Nachweisgrenze benennt die Grenze, unter welcher die Viren im Blut mit den derzeitigen Nachweismöglichkeiten nicht mehr messbar sind.
Die Therapie müsse konsequent eingehalten werden und es dürften bei keinem der Partner beispielsweise durch andere sexuell übertragbare Infektionen Schleimhautschädigungen vorliegen, dann sei das Ansteckungsrisiko minimal. So die Stellungnahme der Deutschen Aids-Hilfe. Sie betont aber auch, dass ein Risiko für eine Ansteckung immer besteht. Und im Einzelfall auch relevant sein könne.
Von außen betrachtet hat Frank ein ganz normales Leben. Er wohnt mit seinem Freund zusammen in einer schönen Wohnung in Ulm. Arbeitet im Außendienst als Verkäufer, oft zehn, zwölf Stunden am Tag. Er liebt seinen Job und den Kontakt mit den Kunden. "Ich bin froh, dass ich arbeite. Es macht mir viel Spaß", sagt der Mann. Sein Arbeitgeber weiß aber nichts von seiner Infektion. Das hält Frank auch für richtig. Zwei Drittel der zirca 70 000 Menschen mit HIV in Deutschland arbeiten. Die wenigsten davon outen sich am Arbeitsplatz.
"Der Kreis der Eingeweihten ist aus gutem Grund sehr eng. Ich habe gesehen, was passiert, wenn ich damit rausgehe." Einem guten und langjährigen Freund hatte er vor zwei Jahren von der HIV-Infektion erzählt. Er hat ihn bis heute nicht wieder gesehen.
Was Frank allerdings beschäftigt: Auch seiner 17-jährigen Tochter gegenüber kann er nicht ehrlich sein. Sie stammt aus der Ehe mit seiner Ex-Frau. Mehr als ein Jahrzehnt war Frank verheiratet. Dann hat er sich Hals über Kopf in einen Mann verliebt, die Familie verlassen und mit seiner großen Liebe Holger ein neues Leben begonnen.
Zur gemeinsamen Tochter Isabell hat er aber nach wie vor ein sehr enges Verhältnis. Jedes zweite Wochenende sehen sie sich. "Meine Tochter hat das ganz entspannt aufgenommen, dass ich schwul bin. Sie findet es cool, dass ihr Vater mit einem Mann zusammenlebt", erzählt Frank. Das ist ihm wichtig.
Doch hat er Angst: Wenn seine Ex-Frau von seiner Krankheit wüsste, könnte sie ihm den Umgang mit der Tochter verbieten. "Irgendwann werde ich es meiner Tochter erzählen, aber das wird noch zwei, drei Jahre dauern", sagt er mit ruhiger Stimme.
Vertraute und Ansprechpartner hat Frank bei der Aidshilfe in Ulm gefunden. Hier kann er über seine Sorgen reden. Die Mitarbeiter hören ihm zu, geben Rat und wahren seine Anonymität.
Vor zwei Jahren im September kam der Schlag. Frank wird krank. Er hat starke Magenschmerzen und Probleme mit der Speiseröhre. Die Ärzte wissen zunächst nicht, woher die Symptome kommen. Sie vermuten Speiseröhrenkrebs oder eine HIV-Infektion. Da Frank erst im August einen HIV-Test gemacht hatte und der negativ war, fürchtet er die Krebsdiagnose. Es kommt anders. Als der Arzt ihn anruft ist er nervös.
"Im ersten Moment war ich erleichtert, dass es kein Krebs ist", erzählt Frank rückblickend. Als er die Nachricht bekommt, ist er gerade unterwegs zu einem Kunden. Er fährt mit dem Auto rechts ran, atmet ein paar Mal tief durch, informiert seinen Freund und fährt weiter. "Vom Kopf her war"s für mich damit erledigt. Es war kein Weltuntergang, denn die Infektion zieht nicht gleich den Tod nach sich", sagt Frank.
Die folgende Zeit wird trotzdem sehr schwer für ihn. Drei Monate lang ist er krank, hat nachts schlimme Schweißausbrüche. "Ich musste das Bettlaken jede Nacht zwei Mal wechseln. Das war eine ziemlich heftige Zeit", erinnert er sich. Die Krankheit kostet ihn viel Kraft. Nur langsam erholt er sich. Doch sein Immunsystem bleibt angegriffen. "Es kann jetzt leicht passieren, dass ich von einer auf die andere Sekunde krank werde." Und wenn er krank ist, dann erwischt es ihn auch viel heftiger als vor der HIV-Infektion. Der Aidsvirus zerstört das Immunsystem, Krankheitserreger können nicht mehr abgewehrt werden.
Trotz allem lebt Frank sein Leben normal weiter, arbeitet und geht seinen Hobbys nach. Dass er das so uneingeschränkt kann, hat er den Tabletten zu verdanken, die er jeden Tag einnimmt. Medizinisch hat sich in den vergangenen 10 bis 15 Jahren viel getan für die Erkrankten.
Trotzdem heißt es nun jeden Abend vier Tabletten schlucken. Frank ist klar, dass diese Nebenwirkungen haben: Das Krebsrisiko ist durch die Einnahme erheblich erhöht. Deshalb geht er regelmäßig zur Vorsorge.
Rauchen und der Konsum von Alkohol sind eigentlich tabu. Daran hält sich Frank allerdings nicht. "Auf Alkohol verzichte ich gerne, ich trinke eh ganz wenig. Aber das Rauchen lasse ich nicht - das geht nicht. Ich will da nicht drauf achten", erklärt er schulterzuckend.
Obwohl er ein glückliches Leben führt, ist die Krankheit für Frank immer präsent. "Ich denke jeden Tag an die Infektion." Aus dem Kopf raus kriege er sie nie. Allerdings betont der 46-Jährige: "Obwohl sie allgegenwärtig ist, sie bestimmt nicht mein Leben. Ich bestimme es selbst!"